Die „Rätscha Buaba“ – Ein alter Osterbrauch soll in Lochau wieder lauter werden

Das älteste Foto der Lochauer „Rätscha Buaba“, das in der Ortsgeschichtlichen Sammlung archiviert ist, wurde 1936 aufgenommen. Von rechts: Gebhard Stöckler (Giggi), Hansi Schmid, Josef Bellet (Bibelar), Franzl Schmid, Kurt Spöttl, Fedi Hutter, Pius Münst, und Hemmi Münst. Die Neulinge bekamen im ersten Jahr einen „Klöpfler“, im zweiten Jahr durften sie eine „Rätscha“ bedienen. (Foto: OGS)
(v.l.n.r.): Wolfram Baldauf, Richard Biegger, Siegfried Biegger, Helmut Biegger, Xaver Sinz (Altbgm.), Hansjörg Baldauf im Jahr 1962 (Foto: Wolfram Baldauf)
Fredi Holzner, Wolfram Baldauf, Xaver Sinz, Richard Biegger, Monika Mager (verdeckt), Hansjörg Baldauf, Elisabeth Sinz (ca. 1962) (Foto: Wolfram Baldauf)
Ostern 1979 (Foto: OGS)

Wenn in den Kartagen die Glocken schweigen, dann war es in Lochau über viele Generationen hinweg ein vertrauter Klang, der unser Dorf erfüllte: das unnachahmliche Rasseln der Rätschen. Ein Klang, der Kindheitserinnerungen weckt, der Zusammenhalt spürbar macht und der seit Jahrhunderten durch unsere Straßen hallt.

Bürgermeister Dr. Frank Matt erinnert sich: "In meiner Kindheit bin ich selbst mit den 'Rätscha Buaba' durchs Dorf marschiert, stets darauf bedacht, den richtigen Rhythmus zu halten. Denn zum einen sollte eine einheitliche, halbwegs stimmige Klangwolke damit erzeugt werden, und zum anderen waren die speziellen 'Melodien' einem anderen Zweck gewidmet: Wurde den Rätschern beispielsweise mit einer Spende gedankt, erwiderten sie dies mit einem entsprechenden Rätschenklang. Gab es keinen Dank oder wurden die Rätscher gar ignoriert, wurden die Übeltäter*innen mit einem besonders schrillen Rätschenklang 'ausgerätscht'. Früher, als sich der Verkehr ohne Pfändertunnel noch oft durch Lochau staute, wurden auch gerne die im Stau stehenden Autofahrer*innen ein Stück des Weges von den 'Rätscha Buaba' begleitet."

Wer als Kind das erste Mal als Räscher mit von der Partie war, erhielt einen sogenannten „Klöpfler“. Erst im zweiten Jahr durfte der Nachwuchs mit einer richtigen Rätsche zum unüberhörbaren Rätschenklang beitragen. In den vergangenen Jahren ist dieser Klang leider immer leiser geworden. Zu leise. Immer weniger Kinder und Jugendliche finden den Weg zum Rätschen, und damit droht ein Stück unseres lebendigen Kulturerbes allmählich zu verstummen. In Lochau gibt es nur noch eine Rätscher-Gruppe.  

Bürgermeister Matt sieht es als gemeinschaftliche Aufgabe – und als ein persönliches Herzensanliegen – dieses wertvolle Brauchtum zu bewahren und wieder sichtbar zu machen. Dafür braucht es Menschen, die mit Freude und Geschick anpacken möchten.

Aufruf an alle handwerklich Begabten

"Ich suche Männer und Frauen aus unserer Gemeinde, die Lust haben, gemeinsam mit mir Rätschen nachzubauen und sich aktiv für die Weitergabe dieser Tradition einzusetzen.
Wer gerne werkt, mit Holz umgehen oder sogar drechseln kann oder einfach Freude daran hat, etwas Nachhaltiges zu schaffen, ist herzlich eingeladen, Teil dieses Projekts zu werden", so Bürgermeister Matt.

Original-Rätschen gesucht

Um möglichst authentische Modelle zu fertigen, ist Frank Matt außerdem auf der Suche nach alten, originalen Rätschen, die als Vorlage dienen können. Vielleicht steht irgendwo auf einem Dachboden ein solches Stück Geschichte.

Bitte melden Sie sich bei Dr. Frank Matt unter T: 0650 526 7700.

Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass der Klang der Rätschen auch künftig durch Lochau zieht – kraftvoll, lebendig und als Zeichen einer Tradition, die uns verbindet. Wir freuen uns auf alle, die mitmachen möchten – und auf viele gute Gespräche, Ideen und gemeinsame Werkstunden.

Mehr Wissen

Wenn in vielen Regionen Österreichs während der Kartage die Glocken schweigen, übernehmen traditionell die Rätschergruppen – oft liebevoll „Rätscha Buaba“ genannt – ihren Dienst. Mit ihren hölzernen Instrumenten, mundartlich „Rätscha“ genannt, ziehen sie durch das Dorf, kündigen die alten Gebetszeiten an und bewahren damit ein jahrhundertealtes Brauchtum.

In Lochau jedoch werden die Rätschen von Jahr zu Jahr leiser. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die den Brauch weiterführen, ist deutlich zurückgegangen. Klassischerweise waren es die „Rätscha Buaba“, doch erfreulicherweise dürfen heute auch Mädchen mitmachen. Trotzdem werden es immer weniger Rätschen, die an diesen Tagen im Dorf erklingen. Seit einigen Jahren erfüllen nur noch wenige Rätscherinnen und Rätscher an den stillen Tagen vor Ostern unser Dorf mit dem unverwechselbaren Rasseln der Rätschen. Gerade deshalb lohnt es sich, auf die Geschichte dieses alten Brauchs zu blicken, auf das Besondere der Rätschen und darauf, warum es vielleicht wichtiger denn je ist, die Tradition wieder stärker zu beleben.

Ursprung des Rätschens – eine Tradition mit langer Geschichte

Die Wurzeln des Rätschens reichen weit zurück in die christliche Tradition der Karwoche. Von Gründonnerstag bis zur Osternacht schweigen die Kirchenglocken und die Orgel – denn, so der alte Volksglaube, „fliegen die Glocken nach Rom“. Diese liturgische Stille erinnert an das Leiden und Sterben Jesu. Um die Gläubigen dennoch zu den Gebets- und Gottesdienstzeiten zu rufen, wurden schon im 8. Jahrhundert hölzerne Rätschen verwendet. Ihre Ursprünge reichen sogar bis ins 6. Jahrhundert zurück, also in eine Zeit, in der Kirchenglocken noch nicht üblich waren und große hölzerne Schallgeräte in den Kirchtürmen hingen.

Die Rätsche ist ein Holzlärminstrument, dessen charakteristischer Ton entsteht, in-dem ein Federblatt über ein Zahnrad geführt wird. Von kleinen Handrätschen bis hin zu großen Turmrätschen gibt es vielfältige Ausführungen – jede mit ihrem ganz eigenen Klang.

Besonders wird das Rätschen aber vor allem durch das gemeinschaftliche Erleben, wenn die Kinder und Jugendlichen gemeinsam durchs Dorf ziehen. Dabei folgen sie einem festen Zeitablauf, der die traditionellen Gebetszeiten widerspiegelt. Oftmals begleiten traditionelle Sprüche – wie der „englische Gruß“ – das Knattern der Instrumente. Diese Mischung aus gelebter Tradition, gemeinsamem Tun und dem einzigartigen Klang der Rätschen verleiht dem Brauch seinen unverwechselbaren Charakter.

Die Besonderheit der Rätschen

Heute ist das Rätschen in vielen Regionen Österreichs fest verankert und wurde 2015  von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, ein Stück lebendige Volkskultur, das weit über das rein Kirchliche hinaus Bedeutung hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Vorarlberger Gemeinden konnte dieser Brauch in Lochau als einziger Leiblachtalgemeinde sowie im näheren Umkreis (bis Dornbirn und dem Bregenzerwald) erhalten bleiben.

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